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Justine Otto und der Mythos Männlichkeit

Aktualisiert: 8. Mai 2023


Der Winter zog sich 2019 verbissen in die Länge, als ich den "Lassoman" von Justine Otto zum ersten Mal sah. Nachdem ich mich durch das Museum der bildenden Künste in Leipzig hatte treiben lassen, stand ich plötzlich vor ihm: Ernst, hochkonzentriert und nach vorn gelehnt ist ihr Cowboy gerade dabei, sein Lasso auf ein nicht sichtbares Ziel auszuwerfen.


Ross und Reiter sind mitten im Galopp und gleichzeitig stehengeblieben. Als hätte eine überdimensionierte Hand den Cowboy am Nacken gepackt und ihn aus dem wilden Westen des 19. Jahrhunderts ins Jetzt geholt. In ein Jetzt, in dem Begriffe wie Vielfalt, Empowerment oder toxische Männlichkeit mal Trendworte und mal realer Wandel bedeuten.



Feingliedrig und detailgetreu zeigt die in Polen geborene Künstlerin Ross und Reiter. Beide wirken deplatziert in einer Umwelt aus absoluter Farbenpracht. Fast wie bei einem freigekratzten Rubbellos scheint das Hier und Jetzt durch die Leinwand durch. So als würde hinter dem Werk gerade ein prächtiger Sonnenuntergang seinen Lauf nehmen. Eine Farbigkeit, die mit ihren pink-pastelligen Tönen an die feministische Künstlerin Judy Chicago und „The Big Blue Pink“ erinnert.


Der Cowboy als Stereotype für raubeinige Männlichkeit


Der Cowboy - Haudegen und Sinnbild für Aggression, Dominanz und den Wunsch nach Unabhängigkeit. Er liebt die Freiheit und hasst es sich anzupassen. Sanftmut oder das Zeigen von Emotionen schreibt man ihm nicht zu.

Orville Peck nimmt das veraltete Rollenbild vom harten Cowboy ebenfalls aufs Korn. Der Country-Star trägt Strass, ist schwul, niemand kennt sein Gesicht. Fast 400.000 Fans folgen ihm auf Twitter. Peck denkt das klassische Rollenbild und den Begriff der Männlichkeit neu. Seine bestickten Anzüge erinnern eher an Haute Couture als an Staub und Schweiß. Das ganze Gegenteil zum Cowboy also.


Künstler*innen wie Otto und Peck, die das Spiel mit alten Rollenbildern zum Kern ihrer Arbeit gemacht haben, besetzen vollkommen gerechtfertigt eins der wichtigsten Terrains unserer Zeit.


Die Neue Galerie Gladbeck in Gladbeck zeigt noch bis zum 7. Januar 2022 die Ausstellung „Mit Schall und Rauch“ von Justine Otto.


Foto: Joseph Keil / unsplash.com

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